Predigt: Gottesdienst 16.08.2020

Predigt (Pastorin)

Liebe Gemeinde,

„es war einmal ein Heide. Dieser Heide bot dem berühmtesten jüdischen Gesetzeslehrer seiner Zeit an, zum Judentum überzutreten, wenn sie ihn die ganze Tora lehren könnten, solange er auf einem Bein stehen konnte. 

Predigt (Pastorin)

Liebe Gemeinde,

„es war einmal ein Heide. Dieser Heide bot dem berühmtesten jüdischen Gesetzeslehrer seiner Zeit an, zum Judentum überzutreten, wenn sie ihn die ganze Tora lehren könnten, solange er auf einem Bein stehen konnte. Während ihn der strenge Schammai (Gründer einer strengen pharisäischen Toraschule) mit einem Stock davonjagte, soll (sein „Gegenspieler“) Rabbi Hillel gesagt haben: ‚Was dir unliebsam ist, das tu auch deinem Nächsten nicht. Dies ist die ganze Tora, das andere ist die Auslegung.‘“

Liebe Gemeinde,

diese kurze Anekdote zeigt, dass es zu Jesu Zeit im Judentum verschiedene Meinungen gibt, ob man die Tora zusammenfassen darf oder nicht. Und genau darum geht es in meiner heutigen Predigt. Es geht darum, wie Gebote interpretiert werden, welches der Gebote das Wichtigste ist und damit um die Frage, ob die Tora-Gesetze in zusammengefasst werden können.

Eine Frage, zu der sich auch Jesus positionieren soll. Wir begegnen ihm heute im Tempel. Dort kommen der Reihe nach verschiedene Personengruppen zu ihm: Die Schriftgelehrten, die Pharisäer, die Sadduzäer usw. – alle wollen Jesus ihre Fragen stellen und sind gespannt, wie Jesus antworten wird. Teilweise stellen sie ihm bewusst Fangfragen, um ihn herauszufordern. Doch Jesus meistert die Situation sehr gut und antwortet ruhig und gelassen auf alle Fragen.

Und dann kommt ein letzter Frager zu Jesus. Ich lese uns dazu aus Markus 12,28-34 (Basisbibel)

28 Ein Schriftgelehrter war dazugekommen und hatte die Auseinandersetzung mit angehört. Als er merkte, wie treffend Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte, fragte er ihn: »Welches Gebot ist das wichtigste von allen?« 29 Jesus antwortete: »Das wichtigste Gebot ist dieses: ›Höre, Israel! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 30 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Willen und mit deiner ganzen Kraft.‹ 31 Das zweite ist: ›Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‹ Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.« 32 Da antwortete ihm der Schriftgelehrte: »Ja, Lehrer, du sagst die Wahrheit: ›Einer ist Gott, und es gibt keinen anderen Gott außer ihm. 33 Ihn zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit ganzer Kraft und seinen Mitmenschen zu lieben wie sich selbst‹, das ist viel wichtiger als alle Brandopfer und anderen Opfer.« 34 Als Jesus merkte, mit wie viel Einsicht der Schriftgelehrte geantwortet hatte, sagte er zu ihm: »Du bist nicht weit weg vom Reich Gottes.« Von da an wagte es niemand mehr, Jesus etwas zu fragen.

Diesmal ist es also ein einzelner Schriftgelehrter – das haben wir gerade gehört. Er steht nicht unter Gruppenzwang. Er ist schlichtweg beeindruckt von der Art, wie Jesus bisher geantwortet hat. Er stellt Jesus eine ernstgemeinte und echte Frage: »Welches Gebot ist das wichtigste von allen?«  

Mit dieser Frage will der Schriftgelehrte wissen, welches Gebot den Willen Gottes am treffendsten zusammenfasst.

Das spannende an dieser Frage ist: zu Jesus Zeit wurde im Judentum kontrovers diskutiert, ob es überhaupt berechtigt ist, eine solche Frage zu stellen – das haben wir bereits zu Beginn der Predigt gehört.

Die Juden haben sich also gefragt, darf ich überhaupt fragen, ob es eine Zusammenfassung der Tora gibt. Die Tora beinhaltet schließlich 613 Gebote. 248 davon sind Gebote. 365 sind Verbote.

Ich verstehe, dass bei dieser Vielzahl von Geboten eine Kurzusammenfassung hilfreich wäre – doch wie gesagt: diese Frage ist echt heikel. Für das „echte“ Judentum – in unserer Geschichte von Schammai repräsentiert – sind alle Gebote gleich wichtig. Manche gelten zwar als leichtere oder schwerere, aber mehr wird nicht unterschieden.

Im hellenistischen Judentum der Diaspora dagegen war man eher dazu geneigt den Willen Gottes in grundlegende Pflichten zusammenzufassen. Diese Position wurde in der Eingangsanekdote von Rabbi Hillel verkörpert.

Jesus jedenfalls verurteilt den Schriftgelehrten nicht, weil er ihm diese Frage stellt. Im Gegenteil er geht auf seine Frage ein. Er beantwortet sie, indem er zwei Stellen aus der Tora, dem Gesetz, zitiert.

Jesus antwortete: »Das wichtigste Gebot ist dieses: ›Höre, Israel! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 30 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Willen und mit deiner ganzen Kraft.‹ 31

Das erste Gebot das Jesus zitiert, nennt sich das Schema Israel. Es ist das Grundbekenntnis für Israel zu Jahwe als dem einzigen Gott für sein Volk. Es stammt aus dem fünften Buch Mose (Dtn 6,4f).

Liebe zu gebieten, klingt für uns heute fremd. Doch Jesus spricht hier nicht davon, dass ein Gefühl produziert werden soll. Bischof Walter Klaiber schreibt hierzu: „Mit dem Wort Liebe kann im Alten Orient auch die geschuldete Loyalität eines Bündnispartners oder Vasallen bezeichnet werden. Das Gebot, Gott mit allen Kräften zu lieben, war Ausdruck der Verpflichtung zu unbedingter und alles umgreifender Loyalität.“[1]

Diese Gottesliebe und umgreifende Loyalität kommt aus vier verschiedenen Quellen:

Erstens: sie kommt aus ganzem Herzen. Das Herz ist der Sitz des Fühlens und Wollens im Zentrum einer Person.

Zweitens: es kommt aus ganzer Seele. Damit ist gemeint, dass der Mensch sich als Geschöpf Gottes sieht und sich auf ewig und loyal mit seinem Schöpfer verbunden sieht.

Drittens: es kommt aus ganzem Denken. Diesen Aspekt hat Markus dem ursprünglichen alttestamentlichen Text hinzugefügt: auch der Verstand stellt sich ganz in den Dienst des Herrn.

Und Viertens schließlich kommt es aus ganzer Kraft.

Zusammengefasst heißt das: „Alles, was menschliches Können und Wollen vermag, ist diesem einen Herrn und Gott zugewandt.“[2]

So wie hier das Verhältnis zu Gott beschrieben wird, bekommt das Gebot „Gott zu lieben“, einen besonderen Ton. Es geht nämlich um mehr als um das Einschärfen einer Loyalitätsverpflichtung.

Im Gebot der Gottesliebe steckt zugleich eine Liebeserklärung Gottes an die Menschen. Damit wird es zur dringenden Einladung, sich diesem einzigartigen Gott mit dem ganzen Leben und allem, was es ausmacht, hinzugeben. 

Das zweite ist: ›Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‹

Das Gebot, was Jesus jetzt nennt, ist die andere Seite des ersten Gebotes. Auf der einen Seite geht es um die Gottesliebe, aber der anderen Seite um die Nächstenliebe. Beides gehört untrennbar zusammen und ist Ausdruck eines gelebten Glaubens.

Im Alten Testament meint „der Nächste“ zuerst den Nachbarn am Ort. Erst dann wird es auf die Angehörigen des eigenen Volks erweitert. Später dann wird es nochmals erweitert und meint auch die Fremden, die sich in Israel niedergelassen haben.

Zu Jesu Zeit war es im Judentum eher normal, die Reichweite des Gebotes auf die eigenen Leute zu beschränken. Jesus verschiebt und erweitert mit seinen Auslegungen die Grenze zum Nächsten. Denn Jesus macht klar: „Ich bin für den der Nächste, der mich und meine Hilfe braucht.“

Meinen Nächsten zu lieben, heißt also, für den oder die andere da zu sein. Und damit sieht man auch, wie „lieben“ hier zu verstehen ist. Lieben heißt hier für andere da zu sein und für sie einzustehen, wo Hilfe nötig ist.

Das erinnert mich an die letzten Monate seit Corona in unseren Alltag eingetreten ist. Mit dem Beginn der Coronakrise haben sich viele Menschen solidarisch gezeigt und einige tun es bis heute. Sie haben sich gefragt, wie kann ich meine Liebe zu meinen Mitmenschen ausdrücken? Gibt es ältere Nachbarn für die ich einkaufen kann? Brauchen junge Familien Unterstützung bei der Betreuung oder im home office usw.?

Ich frage mich, wo haben wir das in diesen Monaten erlebt? Als Gemeinde? Zuhause in der Familie oder der Nachbarschaft?

Haben wir uns ausreichend Liebe gezeigt oder hat es an manchen Stellen gefehlt? Wo habe ich mich eingebracht oder selbst dazu beigetragen?

Fragen, die jede und jeder nur für sich selbst beantworten kann. Spannend, wenn wir an andere Stelle darüber nochmals gemeinsam ins Gespräch kommen können.

Jesus erinnert mich mit diesen Zeilen jedenfalls wieder daran, dass ich als Christin dazu aufgerufen bin, mich mit meinen Mitmenschen solidarisch zu zeigen. Er meint mit „liebe deinen Nächsten“ ein tiefes Erbarmen. Das Mitfühlen mit der Not meines Gegenübers.

Und „damit ist auch das ‚wie dich selbst‘ erklärt. In dieser Wendung steckt nicht ein Gebot zur Selbstliebe als eine Art drittes Liebesgebot. Dieses Gebot gibt den Impuls, sich an die Stelle des anderen zu versetzen und zu spüren, was man selbst an dieser Stelle gerne hätte, und dann dem oder der anderen so zu helfen, wie man das für sich selbst wünschen würde. Es ist sozusagen eine Kurzfassung der „Goldenen Regel“ aus Matthäus 7: „Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen!“

Nach diesen beiden Geboten macht Jesus nochmals klar: Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.«

Und nun geschieht das Unerwartete: der Schriftgelehrte stimmt ihm zu. Denn so heißt es: »Ja, Lehrer, du sagst die Wahrheit: ›Einer ist Gott, und es gibt keinen anderen Gott außer ihm. 33 Ihn zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit ganzer Kraft und seinen Mitmenschen zu lieben wie sich selbst‹, das ist viel wichtiger als alle Brandopfer und anderen Opfer.« 34

Der Schriftgelehrte bestätigt durch seine Worte, dass Jesus ein Lehrer ist, der gut und der Wahrheit entsprechend lehrt. Das heißt: er legt die Schrift der Sache angemessen und im Einklang mit Gottes Willen aus. Das ist ein sehr großes Kompliment.

„Zur Bekräftigung seiner Zustimmung wiederholt der Frager Jesu Antwort mit seinen eigenen Worten nochmals. Dabei fasst er das Doppelgebot der Liebe sehr schön zu einem einzigen Gebot zusammen.

›Einer ist Gott, und es gibt keinen anderen Gott außer ihm. 33 Ihn zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit ganzer Kraft und seinen Mitmenschen zu lieben wie sich selbst‹.

Und er ergänzt seine Bemerkung durch ein Zitat aus den Propheten Hosea (Hos 6,6): das ist viel wichtiger als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

Um diese Bemerkung zu verstehen, ist es wichtig die Unterscheidung zwischen Brand- und Schlachtopfern zu wissen.

Bei Brandopfern wurden ganze Tiere geopfert. Das heißt Brandopfer gelten allein Gott.

Bei Schlachtopfern dagegen wurden lediglich die Fettstücke und Innereien verbrannt und Gott geopfert. Die restlichen Teile des Opfertieres wurden in einem gemeinsamen Mahl in der Gruppe gegessen.  Das heißt Schlachtopfer haben die Menschen mit einbezogen.

Durch diese Bemerkung stellt der Schriftgelehrte klar: „Er lehnt die Opfer nicht generell ab, aber: Der wahre Gottesdienst besteht nicht im Opferkult, sondern darin, das Leben ganz Gott zur Verfügung zu stellen und es für Menschen in Not einzusetzen.“[3]

Als Jesus merkte, mit wie viel Einsicht der Schriftgelehrte geantwortet hatte, sagte er zu ihm: »Du bist nicht weit weg vom Reich Gottes.« Von da an wagte es niemand mehr, Jesus etwas zu fragen.

Der Schriftgelehrte erkennt und anerkennt, was Gottes Willen entspricht. Darum sagt Jesus zu ihm: Du bist nicht weit weg vom Reich Gottes. Im Klartext heißt das: Du bist sehr nahe.

Klar, es bleibt eine ziemliche Distanz zwischen dem Schriftgelehrten und dem, was die kommende Herrschaft Gottes ausmacht, aber Jesus anerkennt dennoch die Nähe des Mannes zu Gottes Reich.

Diese Reaktion Jesu und Schilderung bei Markus zeigt zwei wichtige Dinge: „Es zeigt erstens, dass Jesus und die Evangeliumserzählung keinem schematischen Feindbild folgen, das die Schriftgelehrten nur in schlechtem Licht darstellt. Es wird dankbar vermerkt, dass es wirkliche Übereinstimmung zwischen jüdischer Schriftkenntnis und der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu geben kann.

Und zweitens wird deutlich, dass es für Jesus im Verhältnis zur Gottesherrschaft nicht nur ein Alles oder Nichts geben kann. Jesus kennt und anerkennt auch die Erfahrung wachsender Nähe.

Ich frage mich: Was heißt das für uns? Wie kann ich mich darin üben näher an das Reich Gottes zu kommen?

Jesus sagt es uns: „Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 30 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Willen und mit deiner ganzen Kraft. Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“

Das heißt also: Lebe und befolge ich dieses Gebot, komme ich Schritt für Schritt dem Reich Gottes näher.

Doch wie lebe und setze ich dieses Gebot in meinem Alltag um?

Für mich heißt das: Es lohnt sich, mich jeden Tag aufs Neue darin zu üben, Gott zu lieben, mir für ihn Zeit zu nehmen im Gebet und Bibellesen, und mich für meinen Nächsten einzusetzen.

Auch, wenn ich vielleicht das Gefühl habe, dass es manchmal nicht genug ist oder ich noch viel mehr tun müsste, weiß ich, dass ich mich bemühe und dass Jesus jeden noch so kleinen Schritt anerkennen wird – so wie er es bei dem Schriftgelehrten anerkennt.

In unserer heutigen biblischen Geschichte ermutigt Jesus uns alle also dazu, zu glauben und unseren Glauben alltagstauglich zu machen.

Ähnlich fasst es ein Lied aus unserem Gesangbuch zusammen. Dort heißt es:

Glauben heißt: lieben, wo andere hassen, sorgend das Leben des Nächsten umfassen.

Glauben heißt: hoffen, wo andere verzagen, Bilder der Zukunft im Herzen zu tragen.

Glauben heißt: trösten, wo andere leiden, sich nicht mit Weinen und Klagen bescheiden.

Glauben heißt: handeln, wo andre sich scheuen, Nächste(r) sein, Gott und den Menschen erfreuen.

Glauben heißt: Christus mit Worten zu nennen. Aber auch: ihn mit dem Leben bekennen.

Herr, lehr uns glauben.[4]

Amen.

 

[1] Klaiber, Markusevangelium, S. 234.

[2] Klaiber, Markusevangelium, S. 235.

[3] Klaiber, Markusevangelium, S. 236.

[4] EM 306.


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