Predigt: Gottesdienst 20.09.2020

Predigt zu Gen 15,1-6 (Pastorin)

Liebe Gemeinde,

an manchen Tagen sorge ich mich. Ich bin dann im „Grübel-modus“ und frage mich: was wird kommen? Was bringt die Zukunft? Wie geht es in den Gemeinden oder privat weiter?

Predigt zu Gen 15,1-6 (Pastorin)

Liebe Gemeinde,

an manchen Tagen sorge ich mich. Ich bin dann im „Grübel-modus“ und frage mich: was wird kommen? Was bringt die Zukunft? Wie geht es in den Gemeinden oder privat weiter?

Ganz aktuell frage ich mich immer wieder: wie Corona unsere Gemeindearbeit – direkt vor Ort, aber nach der eintägigen SJK letzte Woche – auch in der gesamten Kirche verändern wird. Werden Menschen aus der Gemeinde ihre Prioritäten anders setzen? Werden Menschen neu zur Gemeinde finden? Andere dafür nicht mehr kommen? usw.

Ein Ort, wo ich mich mit anderen Menschen aus der Gemeinde über diese Fragen austauschen kann, ist u.a. der Gemeindevorstand.

Letzten Dienstag hatten wir eine GV-Sitzung in Bonlanden. Wir haben viel gesprochen und uns gut ausgetauscht. Teilweise waren es gar nicht so einfache Themen. So haben uns die Superintendenten während Corona zum Beispiel die „Hausaufgabe“ gegeben, uns zu überlegen, was wir als GV im Blick auf die Kirche vermisst habe oder auch nicht. Oder: Wo wir als Kirche in der Krise gebraucht wurden und wo nicht – und was das für unsere zukünftige Gemeindearbeit bedeutet…. Viele Fragen und teilweise Themen, über die man sich echt sorgen kann.

Nach so einer Sitzung merke ich dann oft, wie die Konzentration und Anspannung danach von mir fallen. Wie ich manches noch sacken lassen muss oder aber sofort ganz entspannt bin. Wenn Sitzungen in Echterdingen sind, genieße ich es danach noch die paar Meter heimzulaufen, um durchzuatmen. Sind Sitzungen in Bonlanden – so wie diese Woche – dann ist es schön ins Auto zu steigen. Die Fenster runter- und die Musik hochzudrehen. Schon auf dem Weg nach Hause bekomme ich so Abstand zu dem Gewesenen.

Wenn ich dann Daheim ankomme und die Nacht klar ist, nehme ich mir meistens noch einen Moment, um in der Dunkelheit stehen zu bleiben. Ich hebe meinen Blick gen Himmel und schau zum Sternenhimmel. Und desto länger ich nach oben blicke, desto mehr Sterne entdecke ich.

Der Blick zu den Sternen entspannt mich. Meine Sorgen und Probleme werden kleiner und verlieren an Bedeutung.

Ähnlich, wie es auf einer Postkarte steht, die ich letztens entdeckt habe. Dort heißt es: „Vom Mond aus betrachtet, spielt das Ganze gar keine so große Rolle.“ Kurz gesagt: Es kommt eben auf die Perspektive an.

Der Sternenhimmel hat nicht nur für mich eine besondere Bedeutung. Auch in der Bibel spielt er eine wichtige Rolle. Er steht für ein Versprechen. Er ist eine Liebeserklärung von Gott und zugleich ein Werbeplakat für Gott und den Glauben an ihn, denn so heißt es im ersten Buch Mose (Gen 15,1-6):

1 Nach diesen Geschichten begab sich´s, dass zu Abram das Wort des HERRN kam in einer Erscheinung: Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn. 2 Abram sprach aber: Herr HERR, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder und mein Knecht Eliëser von Damaskus wird mein Haus besitzen. 3 Und Abram sprach: Mir hast du keine Nachkommen gegeben; und siehe, einer aus meinem Haus wird mein Erbe sein. 4 Und siehe, der HERR sprach zu ihm: Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein. 5 Und er hieß ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein! 6 Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zu Gerechtigkeit.“

In dieser Geschichte erleben wir, wie Gott um Abram wirbt. Der Sternehimmel wird zum Werbeplakat. Gott wirbt um Abrams Glauben und möchte, dass er ihm vertraut und nachfolgt. Abram hat schon einiges durchgemacht, bis es zu der gerade erzählten Erscheinung kommt.

Unser Bibeltext beginnt mit den Worten: Nach diesen Geschichten begab sich´s, dass zu Abram das Wort des HERRN kam in einer Erscheinung.

Auf welche Geschichten wird hier angespielt?

Lasst uns eine kleine Reise in die Vergangenheit Abrams machen:

Abram hat auf Gottes Geheiß hin sein Land verlassen und ist nach Ägypten gezogen. In Ägypten ist es nicht ganz so gut gelaufen, wie er es vielleicht erwartet hatte. Um seine Frau zu schützen, hat er sie als seine Schwester vorgestellt. Dumm nur, dass der Pharao sich in sie verliebt und zur Frau nehmen möchte.

Das Fazit dieser kleinen Anekdote: über kurz oder lang ist die Wahrheit ans Licht gekommen. Doch eine gute Fügung und ein gnädiger Pharao haben dazu geführt, dass Abram und seine ganze Sippe unbeschadet weiterziehen dürfen.

Doch im Südland ist für Lot und Abram gemeinsam nicht genug Platz. Lot und er trennen sich daraufhin. Lot zieht nach Sodom weiter. Und während Abram auf seinem Weg immer wieder Verheißungen von Gott erhält, ergeht es Lot ziemlich schlecht. Schließlich wird Lot sogar bei einem Angriff auf Sodom mit seiner ganzen Sippe entführt.

Zum Glück erfährt Abram davon und rettet Lot aus der Gewalt der Entführer. Aus Dankbarkeit dafür wird Abram von König Melchisedek gesegnet.

Nach diesen Abenteuern also zieht sich Abram in sein Haus am Hain Mamre zurück und er erhält wieder einmal eine Offenbarung und Verheißung von Gott.

Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.

Mit diesen Worten eröffnet Gott das Gespräch mit Abram. Nach dem, was Abram gerade durchgemacht hat, ist es verständlich, dass Gott Abram erstmal vermitteln möchte, dass er keine Angst haben muss. Es ist nicht schon wieder etwas Schlimmes passiert. Es ist keine weitere Katastrophe im Anmarsch. Abram darf ruhig bleiben.

Und so spricht Gott Abram zu: „Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“

Das heißt: Gott signalisiert Abram hier, dass er mit ihm geht. Auch wenn der Weg immer wieder steinig war, so ist Gott doch bei ihm. Er beschützt ihn.

Das Wort „Schild“, das hier verwendet wird, stammt aus der Militärsprache. Ein Schild gehört zur Waffenrüstung eines jeden Kriegers und soll den Krieger beschützen – genauso beschützt Gott Abram.

Ein schönes Bild, das ich mir richtig gut vorstellen kann.

Und gleich folgt eine weitere Zusage: „und dein sehr großer Lohn“.

Hier spricht Gott Abram zu, dass er Gutes mit ihm vorhat. Er will ihn beschützen und belohnen.

In diesem kurzen Abschnitt öffnet Gott Abram die Augen und den Blick, um in die unsichtbaren Hintergründe seines Lebens zu schauen. Er spricht zugleich tröstend und ermutigend zu Abram.

Und Abram ist bereit, sich auf diese Gottes Erscheinung einzulassen. Er antwortet: Herr HERR, was willst du mir geben?

 

Bis hier klingt es so, als ob Abram wirklich offen, ehrlich und ehrfürchtig hören möchte, wie Gott ihn belohnen möchte. Doch der Satz endet hier nicht. Abram hört hier nicht auf, sondern er spricht weiter: „Ich gehe dahin ohne Kinder und mein Knecht Eliëser von Damaskus wird mein Haus besitzen. 3 (Und Abram sprach:) Mir hast du keine Nachkommen gegeben; und siehe, einer aus meinem Haus wird mein Erbe sein.

 

Diese Ansage Abrams klingt für mich ziemlich nach Hohn und Spott. „Du willst helfen? Wie denn? Du hast mir ja nicht mal einen Erben geschenkt…?!“

Abram bringt hier eine Klage vor Gott, in der versteckt sein größter Wunsch geäußert wird.

Wir müssen bedenken: Abram und Gott sind seit vielen Jahren zusammen unterwegs. Und Gott kennt Abrams Herzenswunsch. Er weiß, dass Abram sich nichts mehr wünscht als einen leiblichen Sohn und damit einen rechtmäßigen Erben. Und jetzt, besitzt Gott sozusagen die Frechheit zu sagen: „Ich bin dein großer Lohn!“. Das klingt fast so, wie dass Gott zu Abram sagt: „Hey du, mit mir hast du den Hauptgewinn gezogen!“ – Ehrlich gestanden, ich verstehe Abram, der hier so plump reagiert. Abram fühlt sich – salopp gesagt – ziemlich verarscht. Was bildet sich Gott eigentlich ein?

Ich finde es toll und faszinierend, wie mutig und frech Abram hier reagiert. Er wagt es sich gegen Gott zu wenden und einfach mal so richtig zu motzen, denn für Abram geht es hier um eine existenzielle Frage.

Im Orient, zur damaligen Zeit, ist der leibliche Erbe, das Einzige, was wirklich zählt. Abram stellt sich wohl oder übel die Frage: Warum habe ich meine Heimat verlassen, alles für Gott geopfert und dann bekomm ich nicht mal einen Erben geschenkt, der mein Werk weiterträgt. Kurz gesagt: Welchen Sinn hatte der Auszug, wenn alles mit ihm, Abram, erlischt?

Wir finden Abram hier an einem wirklichen und existentiellen Tiefpunkt seines Lebens wieder. Und das Spannende ist: mitten in diese hoffnungslose Lage, gefüllt von Vorwürfen und Bitterkeit, spricht der HERR zu Abram.  

 

 4 Und siehe, der HERR sprach zu ihm: Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein.

 

Das Tolle an dieser Geschichte ist: Gott weicht Abram nicht aus. Er stellt sich dem Vorwurf und verheißt Abram einen leiblichen Nachkommen.

Diese Verheißung ist ziemlich abgefahren, denn rein biologisch und mit dem Wissen um Sarais Alter ist das unmöglich.

Doch Gott macht hier einen geschickten Schachzug: 5 Und er hieß ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne;

 

Gott will nicht mit Abram diskutieren. Er weiß, dass in Abram die Gedanken gerade „durchdrehen“. Ganz in der Art: Wie soll denn das gehen? Sarai ist alt. Das ist nicht möglich. Du hast es schon so oft versprochen und doch nicht gehalten… und so weiter.

Gott weiß um diese Gedanken, deshalb fordert er ihn auf: „Geh raus! Hol mal Luft!“ Denn rausgehen und Luft holen, hilft, um die Gedanken zu sortieren. Sich zu sammeln. Zu sich zu kommen.

Gott „führt Abram ins Freie und stellt ihn allein in die Nacht, still zu werden, und lässt sein Auge über diese Erde und über alles, was ihr angehört, hinweg den Himmel sehen mit seinem unzählbaren Heer der Sterne – dem unzählbaren Reichtum an Möglichkeiten (oben) bei Gott.“

(H. Frey, Kommentar)

Und Gott fragt: Kannst du sie zählen?

 

Schon wieder bekommt Abram eine unmögliche Aufgabe. Der Gedanke allein ist schon unmöglich. Die Sterne zählen. Einfach absurd!

 

Und Gott sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!

 

Nach diesen Worten Gottes schweigt Abram. Es ist unglaublich, dass es doch noch wahr werden könnte; Abram staunt und ist sprachlos. Sprachlos über das Wunder, das ihm verheißen wurde; sprachlos über die (bereits von Gott geschaffene) große Anzahl der Sterne.

Abram schweigt. „Wortlos geschieht (hier), was zu erzählen Menschenworte nicht ausreichen.“ (H. Frey)

 

Und so heißt es: Abram glaubte dem HERRN.

Abram glaubt Gott. Er vertraut ihm zutiefst. Er ist gewiss, dass Gott seinen Herzenswunsch nun endlich wahrgenommen und gehört hat; mehr noch ihn erfüllen wird.

Das hier verwendete Wort „Glauben“ steht für „etwas festmachen“, „Halt gewinnen“, „eine Gewissheit finden“, aber auch für „Treue“ und „Vertrauen“.

Es ist etwas ganz Persönliches. Es geht hier in dieser Geschichte nicht (nur) um ein intellektuelles Festmachen oder Verstehen, sondern es geht um die Emotion. Das Herz versteht und ist gewiss: „Immer und ewig hält Gott seine Versprechen.“ „Seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich.“ (Psalm 111,3)

Abram übergibt sich ganz Gott. Bildlich gesprochen: „Er wirft den Anker aus“. Verwurzelt sich in ihm, in seinem Wort und der Verheißung.

Und auch Gott schweigt. Weder ein Wort des Tadels noch des Lobes wird berichtet. Lediglich die Tatsache wird beschrieben: und das rechnete er ihm zu Gerechtigkeit.

Abram hat also heimgefunden. Er ist auf dem rechten Weg. Das steckt in dem Wort „geRECHTigkeit“ drin.

Und so lässt sich mit dem Alttestamentler Frey sagen: „Über dem, der allen Ankergrund verlor in dieser Welt – und menschlich gesehen – keine Hoffnung mehr hatte, aber seinen Anker auswarf in Gott, spricht Gott schweigend sein Amen.“

Mir gefällt diese Geschichte von Abram und Gott. Und ich habe wieder einmal aufs Neue entdeckt, wie schön und bildlich die alttestamentliche Sprache ist. Sie spricht in Bildern. Bilder, die ich mir als Leserin sehr gut vorstellen kann. In die ich mich hineinversetzen kann. Poetisch. Eindrücklich.

Diese ganze Geschichte in der Abram Gott erfährt und begegnet, steckt voller Bilder. Bilder, die Macht haben, wie zum Beispiel das Bild des Sternenhimmels. Der Alttestamentler H. Frey schreibt hierzu: „Die lautlose Nacht unter dem sternenbesäten Himmel, und Gott und Mensch darin wortlos, allein einander gegenüber, beieinander – dies Bild, in das unsere Erzählung mündet, ist ein Ausdruck der Stille, die Abram gefunden hat.“

Abram wird still. Er kommt zur Ruhe. Die Unruhe. Die Sorgen. Was wird kommen? Was wird aus meinem Besitz? Mit meinem Leben? – all das, kann Abram jetzt loslassen. Er geht raus. Atmet aus, atmet ein. Holt Luft. Ist bereit für Gottes Wirken und trifft in der Stille Gott.

Mich ermutigt diese Geschichte. Gerade auch, wenn ich mich mal wieder dabei ertappe, dass ich mich um alles Mögliche und Unmögliche sorge. Privat und in der Arbeit. Aber auch gesellschaftlich und politisch.

„Alle eure Sorgen werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ (1. Petr 5,7) so heißt es im 1. Petrusbrief. Gerne nehme ich diese Einladung an, meine Sorgen bei Gott abzulegen.

Und in dieser Geschichte von Abram wird mir ganz praktisch die Umsetzung dieses Zuspruchs aus dem Petrusbrief vor Augen geführt. Und mir wird bewusst: Gott ist immer da. Es gibt keine Zeiten, in denen Gott nicht da ist. Abram hatte seinen Herzenswunsch eigentlich schon aufgegeben. Doch Gott lässt ihn nicht im Stich. Er wirbt um ihn. Er verspricht ihm: Ich halte dein Leben in der Hand. Ich bin mit dir.

Und Abram spürt, dass Gott die Wahrheit sagt. Dass er ihm wirklich vertrauen kann.

Wenn mir die Last der Welt mal wieder zu groß wird, schaue ich gern in den Sternenhimmel. Denn jeder einzelne Stern spricht mir zu: Gott hält, was er verspricht.

Und so wünsche ich euch allen, dass ihr diese Gewissheit erfahrt, die Abram erfahren hat. Dass ihr euch ganz Gott übergebt. Euren Anker in Gott setzt, so dass er sein Amen sprechen kann.

Amen.


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