Predigt: Gottesdienst 31.05.2020

Predigt: Gottesdienst 31.05.2020

Liebe Gemeinde,

wenn ich auf die letzten Wochen zurückschaue, dann habe ich am meisten die Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie vermisst. Ein gemütliches Essen. Der Austausch mit anderen Menschen.

Kurz: Gemeinschaft mit Anderen. Vielleicht ging es euch und ihnen ja ähnlich. Ich hatte jedenfalls immer mal wieder diese Sehnsucht nach Gemeinschaft.

Einiges ist mittlerweile wieder möglich. Anderes noch nicht. Endlich dürfen wir wieder Gottesdienste feiern, aber so richtig, wie früher sind die auch nicht wirklich. Besser als nichts. Und das könnte ich gerade anhand vieler Beispiele sagen. Ich gebe gerne und offen zu: Ich übe mich noch in diesem neuen Alltag. Angekommen bin ich darin noch nicht zu 100%. Die Sehnsucht nach echter Gemeinschaft begleitet mich weiterhin.

 Wie passend zum heutigen Pfingstsonntag. Denn an Pfingsten geht es um eine ganz besondere Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die niemanden ausschließt, die Grenzen überwindet und jede und jeden betrifft.

 Wie diese Gemeinschaft begründet wird, haben wir gerade in der neutestamentlichen Lesung gehört. Da wurde zunächst das Pfingstwunder beschrieben. Denn so heißt es:

Dann kam der Pfingsttag. Alle, die zu Jesus gehört hatten, waren an einem Ort versammelt.

 Der Pfingsttag ist der fünfzigste Tag nach dem Passafest. Es ist das jüdische Wochenfest. Und alle, die zu Jesus gehört hatten und seine Jünger oder Jüngerinnen waren, sind in einem Haus versammelt.

Kurz vor seinem Tod hatte Jesus den Jüngern noch versprochen, dass er ihnen einen Beistand senden würde, und dass etwas Außergewöhnliches passieren würde. Doch nun als dieses Versprechen wirklich eintritt sind die Jünger doch erstmal völlig überrascht.

 Lukas, der der Autor der Apostelgeschichte ist, findet dafür kaum Worte. Er verwendet deshalb verschiedene Bilder, um dieses rätselhafte Geschehen annähernd in Worte zu fassen. Er schreibt:

 2 Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten.

 Das, das, was da geschieht „vom Himmel herkommt“, macht deutlich: hier passiert etwas, das göttlichen Ursprung und einen göttlichen Charakter hat. Gleichzeitig setzt es eine Parallele zu Himmelfahrt. An Himmelfahrt geht Jesus nach oben in den Himmel. An Pfingsten kommt von oben die Geistkraft auf die Menschen.

 Lukas verwendet dafür die Worte „Wind und Rauschen“. Im Griechischen heißt Wind „pnoee“, das klingt ganz ähnlich wie das griechische Wort „pneuma“. Und „pneuma“ heißt Geist und Geistkraft. Die Worte haben also eine ähnliche Etymologie. Und „beiden, Wind und Geist, ist gemeinsam, dass sie für den Menschen unsichtbar und unverfügbar sind, aber an ihren Wirkungen deutlich wahrgenommen werden können.“[1]

 Auf den Wind und das Rauschen folgt ein zweites Phänomen: 3 Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen. Die verteilten sich und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder.

Diese dritte Erscheinungsform der Geistkraft ist ähnlich dynamisch, wie die ersten beiden mit Wind und dem Rauschen. Das Feuer ist EIN Feuer, doch es verteilt sich in mehreren züngelnden Flammen auf die versammelte Gemeinde. Ähnlich wie bei einem Kaminfeuer… Das ist auch ein Feuer, aber es hat je eigene Flammen, die mal links, mal rechts hochflammen.

 Dieses Bild ist eine ganz deutliche Anspielung auf das Bild der Taufe. Denn so wird an anderer Stelle in der Bibel vorausgesagt, dass nach Johannes dem Täufer einer kommen wird, der mit „Heiligen Geist und Feuer taufen wird“.

Lukas möchte seinen Leserinnen und Lesern also sagen: „Jetzt ist es soweit.“ Und Lukas macht mit diesen drei Bilder noch mehr deutlich: Wind / Sturm / Feuer sind im Alten Testament alles Zeichen für das Nahekommen Gottes. Das heißt, wenn Gott im Alten Testament eine Erscheinungsform wählt, um sich den Menschen zu zeigen, wählt er hierfür den Wind, einen Sturm oder aber das Feuer.

 

Mit diesem Wissen ist es eine logische Konsequenz, dass Lukas das Geheimnis jetzt lüftet und sagt: 

 4 Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.

 Das heißt: Jetzt beginnt die Geistkraft unter der Gemeinde zu wirken. Am letzten Sonntag haben wir gehört: Die Geistkraft bevollmächtigt jede und jeden Einzelnen dazu als Christ und Christin von Gott und Jesu froher Botschaft zu erzählen. Sie lädt dazu ein, Menschen von Gott zu begeistern und selbst der eigenen Sehnsucht nach Gott nachzugehen.

Doch um etwas erzählen und weitergeben zu können, ist Sprache und eine gewisse Sprachfähigkeit elementar. Deshalb folgt in unserer Geschichte nun das sogenannte „Sprachwunder“.

Sie begannen, in fremden Sprachen zu reden – ganz so, wie der Geist es ihnen eingab.

Die Geistkraft befähigt alle, in fremden Sprachen (wörtlich: Zungen) zu reden. „Die Geisteszungen bewegen gleichsam die Menschenzungen zur Verkündigung der großen Taten Gottes in den Sprachen der Völker.“[2] So sagt das ein Theologe.

Übersetzt heißt das: Die frohe Botschaft, also das Evangelium oder kurz gesagt: die Geschichte von Jesu Wundern und Taten soll in die ganze Welt verbreitet werden. An Pfingsten werden die Jünger und Jüngerinnen mit diesem Werkzeug ausgestattet und dafür sprachfähig gemacht.

Das alles, findet IN einem Haus statt, wo alle versammelt sind. Doch Lukas geht davon aus, dass dieser Aufruhr gut hörbar nach draußen dringt. Der Sturm, die Feuerzungen, der überraschte Aufschrei mancher Jünger – all das, bekommen die Leute draußen auf der Straße mit. Wir müssen bedenken, es ist das jüdische Wochenfest. Das heißt, es sind viele Leute in Jerusalem unterwegs. Unter anderem auch sogenannte Diaspora-Juden, also Juden aus aller Welt, die in Jerusalem leben, aber zuvor längere Zeit im Ausland waren. Diese Leute sind außen versammelt und strömen zusammen, als sie den Aufruhr in dem Haus mitbekommen. Und das krasse an dieser Situation ist: Plötzlich hören die weitgereisten Juden, die draußen stehen, drinnen die Jünger in ihren Heimatsprachen sprechen.

 7 Erstaunt und verwundert sagten sie: »Sind das denn nicht alles Leute aus Galiläa, die hier reden? 8 Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? 9 Wir kommen aus Persien, Medien und Elam. Wir stammen aus Mesopotamien, Judäa, Kappadozien, aus Pontus und der Provinz Asien, 10 aus Phrygien und Pamphylien. Aus Ägypten und der Gegend von Zyrene in Libyen, ja sogar aus Rom sind Besucher hier. 11 Wir sind Juden von Geburt an und Fremde, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind. Auch Kreter und Araber sind dabei. Wir alle hören diese Leute in unseren eigenen Sprachen erzählen, was Gott Großes getan hat.« 12

 Übertragen heißt das: Auf einmal finden die Jünger eine Sprache, die die Leute außen verstehen. Das Evangelium bekommt also Außenwirkung und wird relevant. Außenstehende begreifen die Botschaft, weil sie sie verstehen. Die Jünger werden so zu echten Zeugen Jesu.

 Dieses Erlebnis hat verschiedene Reaktionen zur Folge. Einerseits führt dieses plötzliche Verstehen zur Verwirrung in der Menge. Sie fragen sich, wie können solch einfache Leute, wie diese Jünger, diese Fischer aus Galiläa auf einmal in meiner Muttersprache sprechen? Und sie alle bezeugen erstaunt: „Wir alle hören diese Leute in unserer eigenen Sprache erzählen, was Gott Großes getan hat. Erstaunt und ratlos sagte einer zum anderen: »Was hat das wohl zu bedeuten?« 13 Wieder andere spotteten: »Die haben zu viel neuen Wein getrunken!«

 Die Menschen reagieren hier also auf zwei verschiedene Weisen. Die einen erstaunt und ratlos. Die anderen mit Spott.

 Dieses Sprachwunder zeigt mir, wie wichtig dieses Pfingsterlebnis auch heute noch ist. Die Jünger finden die richtige Sprache, um die Leute außen zu erreichen. Ich frage mich deshalb unweigerlich: Welche Sprache müssen ich oder wir als Gemeinde finden, um sprachfähig in der Außenwelt zu sein? Und diese Frage betrifft uns alle, denn es wird ausdrücklich die ganze Gemeinde mit der Geistkraft erfüllt. Es betrifft alle – nicht nur ausgewählte Amtsträger. Alle werden durch die Geistkraft sprachfähig.

 Und gleichzeitig wird uns gezeigt: selbst wenn ich oder wir die richtige Sprache finden, kann das ganz unterschiedliche Reaktionen auslösen: Interessiertes Nachfragen UND Spott können die Folge sein.

Für Petrus ist diese Reaktion der Menge der perfekte Aufhänger für seine Pfingstpredigt. Petrus ergreift ganz unerschrocken die Initiative. Er erkennt seine Chance der Menge von Jesus zu erzählen und fängt einfach an:

 14 Da trat Petrus vor die Menge und mit ihm die anderen elf Apostel. Mit lauter Stimme rief er ihnen zu: »Ihr Männer von Judäa! Bewohner von Jerusalem! Lasst euch erklären, was hier vorgeht, und hört mir gut zu! 15 Diese Leute sind nicht betrunken, wie ihr meint. Es ist ja erst die dritte Stunde des Tages. 16 Nein, was hier geschieht, hat der Prophet Joel vorhergesagt: 17 ›Gott spricht: Das wird in den letzten Tagen geschehen: Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und eure Töchter werden als Propheten reden. Eure jungen Männer werden Visionen schauen und eure Alten von Gott gesandte Träume träumen. 18 Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, werde ich in diesen Tagen meinen Geist ausgießen. Und sie werden als Propheten reden. 19 Ich werde Wunder tun droben am Himmel. Und ich werde Zeichen erscheinen lassen unten auf der Erde: Blut und Feuer und dichte Rauchwolken. 20 Die Sonne wird sich verfinstern, und der Mond wird sich in Blut verwandeln. Dies alles geschieht, bevor der große und prächtige Tag des Herrn anbricht. 21 Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden!‹

Ganz schön abgefahren, was Petrus hier macht. Ich weiß nicht, wie ich mich gefühlt hätte, wenn ich Teil der Menge gewesen wäre. Irgendwie komisch, wie da einer auf einmal aufsteht und eine Predigt hält. Vermutlich hätte ich mich ein wenig fremd geschämt. Andererseits ist es vielleicht auch mal eine nette Abwechslung. Endlich mal ein Wochenfest, das anders abläuft. Sicher wäre ich aber gespannt stehengeblieben, um zu schauen, was jetzt kommt.

 »Ihr Männer von Judäa! Bewohner von Jerusalem! Lasst euch erklären, was hier vorgeht, und hört mir gut zu!

Petrus macht das hier sehr geschickt. Erstmal stellt er sich selbstbewusst vor die Menge, er begrüßt die Menschen direkt und geht dann ohne Umschweife auf ihre Kritik ein.

15 Diese Leute sind nicht betrunken, wie ihr meint. Es ist ja erst die dritte Stunde des Tages.

Ehrlich gesagt, finde ich dieses Argument nicht so richtig genial. Nur weil es 9 Uhr morgens ist, muss das nicht unbedingt ein Argument dafür sein, dass man nüchtern ist, aber ok. Es scheint die Menge zu überzeugen und Petrus liefert auch gleich noch ein theologisches Argument mit – das wie ich finde, bedeutend schlüssiger ist. Er sagt: 

16 Nein, was hier geschieht, hat der Prophet Joel vorhergesagt:

Petrus zitiert dann die Worte des Propheten Joel – verändert dabei aber leicht den Wortlaut. Durch diese Veränderungen wird das Prophetenwort auf einmal endzeitlich gedeutet.

Petrus zeigt damit: Dieses Erlebnis der Geistgabe vollendet den Weg Gottes mit den Menschen. Es war kein Fehler im Plan Gottes, dass Jesus gekreuzigt wurde, sondern das alles, war der Plan Gottes.

Nun mit dem Geschenk der Geistkraft werde ALLE berufen, dass Evangelium in die Welt zu tragen. Frauen und Männer. Jung und Alt. Keiner wird ausgeschlossen, sondern die ganze Gemeinde wird mit der Geistkraft erfüllt. Das macht sie wirklich zu einer ganz besonderen Gemeinschaft.

Und Gott wird seine Worte durch Wunder und Zeichen drunten und droben sichtbar machen. Und dann folgt das große Finale: Dies alles geschieht, bevor der große und prächtige Tag des Herrn anbricht. 21 Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden!‹

Zunächst einmal heißt das: es ist noch Zeit. Jede und jeder kann zum Glauben finden, denn der große Tag ist noch nicht angebrochen. Zum anderen steht hier ein großes Versprechen: Alle Glaubenden und Suchenden werden gerettet werden.

Und mit dem Pfingstfest steht die Geistkraft den Menschen und der gesamte Gemeinde helfend dabei zur Seite.

Als Jesus in seinen Abschiedsreden die Geistkraft ankündigt, spricht er dabei immer von einem Beistand, einer Helferin und Trösterin. Darauf ist Verlass.

Die Geistkraft macht die Menschen für das Wort Gottes empfänglich. Das Pfingstfest lädt jede und jeden Einzelnen dazu ein, der Sehnsucht nach Gott nachzugehen. Deshalb gilt Pfingsten als der Geburtstag der Kirche. Als Geburtsstunde der Gemeinde. Menschen versammeln sich gemeinsam, um das Wort Gottes zu verkündigen und zu hören.

Unsere Aufgabe als Gemeinde und als einzelner Christ oder Christin ist es bis heute, die uns geschenkte Sprachfähigkeit zu nutzen und von unseren Erlebnissen und Erfahrungen im Glauben und mit Gott zu erzählen (positiv, wie negativ).

Ganz wie es uns Methodisten sozusagen in die DNA gelegt worden ist, wenn John Wesley sagt: „Ein Methodist ist ein Mensch, in dessen Herz die Liebe Gottes ausgegossen ist durch den Heiligen Geist, der ihm und ihr gegeben ist.“

 

[1] Gebauer, Kommentar Apg, Teil 1, S. 39.

[2] Gebauer, Kommentar Apg, Teil, S. 40.


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