Predigt: Gottesdienst 07.06.2020

Predigt: Gottesdienst 07.06.2020

„Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes feiern wir diesen Gottesdienst.“

Liebe Gemeinde,

mit diesen Worten beginnt jeder unserer Gottesdienste und jeder Gottesdienst einer christlichen Gemeinde. 

Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, der eine Gott in drei Personen ist Grundlage für unseren christlichen Glauben. Doch viele tun sich damit schwer. Drei in einem – wie soll das gehen?

Heute ist der Sonntag Trinitatis. An diesem Sonntag steht die Dreieinigkeit Gottes im Mittelpunkt. Als Vater erwählt sich Gott ein Volk. Als Sohn kommt er allen Menschen zum Heil. Und schließlich bezieht Gott in Form der Geistkraft in jedem Einzelnen Wohnung: als Begeisterung, als Tröster und als Liebeskraft.

 

Gott ist reine Beziehung. Niemand ist von seiner Gegenwart ausgeschlossen. Gott kann und will nicht für sich sein. Ein Ausdruck dafür ist seine Dreieinigkeit. Kein Wunder, das die Trinitatiszeit den Großteil des Kirchenjahres einnimmt. Bis zum Buß- und Bettag und dem Ewigkeitssonntag im November reicht die Trinitatiszeit. Zeit, in der uns immer wieder biblische Geschichten begegnen, die davon erzählen, wie sich der eine Gott, in verschiedenen Gestalten offenbart und was das für jede und jeden Einzelnen von uns dann ganz persönlich bedeutet.

Trinität meint, dass Gott in sich selbst Gemeinschaft lebt und Beziehung ist. Es ist eine theologische Idee, die schwierig ist und doch viel über das Wesen Gottes aussagt. Gott ist umfassender, als es ein Mensch begreifen kann. Aber er lässt sich auf eine Geschichte mit den Menschen ein. Im Laufe der Zeit offenbart er dabei immer mehr von sich.

Eine dieser Geschichten ist unser heutiger Predigttext. Wir treffen dort auf Nikodemus. Einen gelehrten Juden, der dennoch kaum versteht, was Jesus ihm zu sagen hat. Jesus und Nikodemus finden sich schnell in einem theologischen Diskurs wieder: Ich lese aus Joh 3,1-8 nach der Basisbibel:

1 Unter den Pharisäern gab es einen, der Nikodemus hieß. Er war einer der führenden Männer des jüdischen Volkes. 2 Eines Nachts ging er zu Jesus und sagte zu ihm: »Rabbi, wir wissen: Du bist ein Lehrer, den Gott uns geschickt hat. Denn keiner kann Zeichen tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.« 3 Jesus antwortete: »Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand von oben her neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.« 4 Darauf sagte Nikodemus zu ihm: »Wie kann denn ein Mensch geboren werden, der schon alt ist? Man kann doch nicht in den Mutterleib zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden!« 5 Jesus antwortete: »Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand aus Wasser und Geist geboren wird, kann er in das Reich Gottes hineinkommen. 6 Was von Menschen geboren wird, ist ein Menschenkind. Was vom Geist geboren wird, ist ein Kind des Geistes. 7 Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe: ›Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‹ 8 Auch beim Wind ist es so: Er weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird.«

Nikodemus besucht hier Jesus mitten in der Nacht. Er ist ein gelehrter, weiser Jude, der zu den Ersten, zu der Obrigkeit gehört. Ich frage mich, warum besucht er Jesus? Was hat er von ihm gewollt – mitten in der Nacht?

Es wird uns nicht mitgeteilt, warum er mitten in der Nacht seinen Besuch abstattet. Fürchtet er um sein Ansehen? Oder um seine gesellschaftliche Stellung, wenn er beobachtet werden würde? War er selbst gefährdet, wenn er Jesus öffentlich besucht hätte – Jesus, den vermeintlichen Aufrührer? Oder wollte er mit Jesus ganz allein sprechen, - dann wenn seine Gefährten und Gefährtinnen schlafen? Im Schutz der Dunkelheit. Oder war ihm sein Anliegen so wichtig und drängend, dass kein Aufschub möglich gewesen ist?

 

Ich weiß es nicht, aber immer, wenn von Nikodemus im Johannesevangelium erzählt, wird er beschrieben mit „der Jesus nachts besuchte“ - das klingt wie ein Titel: Das war der, der nachts zu Jesus gegangen ist. Das klingt nicht beschämend, sondern eher wie „der hat sich getraut“.

Doch was hat er sich eigentlich getraut?

Er hat sich getraut, mitten in der Nacht zu Jesus zu gehen, um mit ihm zu sprechen.Nikodemus hat die Wundertaten Jesu gesehen. Die Wunder sind der Grund, warum er zu Jesus geht, denn er sagt: „Rabbi, wir wissen: Du bist ein Lehrer, den Gott uns geschickt hat. Denn keiner kann Zeichen tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.“

Mit diesen Worten zeigt Nikodemus Jesus, dass er ihn schätzt und wahrnimmt. Es ist ein Kompliment. Er zeigt ihm: Ich sehe, dass du ein besonderer Mensch bist. Ich sehe, dass Gott mit dir ist.

Nikodemus ist der Überzeugung, dass Jesus von Gott geschickt worden ist – vielleicht ist er ja ein Prophet?

Auf jeden Fall möchte Nikodemus hier und jetzt – mitten in der Nacht – mit Jesus sprechen. Es beginnt ein Dialog zwischen zwei Juden, der es in sich hat.

Wissenswert ist hier: Nikodemus steht in dieser Geschichte als Beispiel für das gesamten Judentum. Denn die Wunder sind der Anstoß für das Judentum, sich mit der Verkündigung des Evangeliums Jesu zu befassen – genau wie Nikodemus das in unserer Geschichte hier tut.

Noch bevor Nikodemus Jesus eine direkte Frage stellen kann, antwortet Jesus auf Nikodemus` Einleitung; denn Jesus versteht, was Nikodemus von ihm möchte. Und so nimmt Jesus das Kompliment des Nikodemus zum Anlass ihm seine Lehre vorzutragen. „Jesus antwortete: 'Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand von oben her neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.'“

Was möchte Jesus damit sagen? Nikodemus fragt sich das auch und deshalb fragt er: „Wie kann denn ein Mensch geboren werden, der schon alt ist?“ Ich verstehe, dass Nikodemus diese Frage stellt. Mir geht es, wie ihm. Ich glaube, dass ich Jesus auch gefragt hätte, wie das, funktionieren soll und was er mit diesem Satz sagen will.

„Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.“ „Neu geboren werden.“ - Nikodemus stellt sich das ganz bildlich vor und deshalb sagt er zu Jesus: „Man kann doch nicht in den Mutterleib zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden!“

Hier klingt fast ein wenig Humor mit. Nikodemus ist ein weiser und gebildeter Mann. Er weiß, dass Jesus ebenfalls klug und weise ist – wie kann Jesus also sagen, dass man zweimal geboren werden muss?! Soll das ein Witz sein? Das geht doch gar nicht! Das ist unlogisch und widernatürlich.

Doch Jesus meint etwas Anderes und deshalb führt Jesus seine These noch genauer aus. Er sagt: „Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand aus Wasser und Geist geboren wird, kann er in das Reich Gottes hineinkommen.“

Das heißt zuerst einmal, dass Menschen nicht gläubig werden, weil sie Wunder gesehen haben, sondern sie werden gläubig, wenn sie sich von Grund auf verändern. Wenn die Wunder dazu führen, dass sie ein neues Leben beginnen. Also, ein Leben aus Wasser und Geist. Nur dann sieht und erkennt man das Reich Gottes.

John Wesley, der Kirchengründer der Evangelisch-methodistische Kirche, beschreibt dieses Erkennen des Reiches Gottes mit folgenden Worten: „Weil du Gott von ganzem Herzen liebst, dienst du ihm mit all deiner Kraft. Alles, was du hast und bist, setzt du ein, um Gott zu loben – ohne Hintergedanken. Gott hat dir Gaben geschenkt. (…) Früher hast du mit diesen Gaben vielleicht deine egoistischen Wünsche befriedigt oder sogar Böses getan. Dadurch hast du dich von Gott entfernt. Aber jetzt ist dein Leben durch Jesus Christus völlig umgekrempelt. Darum setzt du deine Gaben als Werkzeuge für Gott und seine Gerechtigkeit ein. Du dienst Gott und tust Gutes. Denn, was auch immer du tust: Du tust alles zur Ehre Gottes. (…) Deine Arbeit, deine Erholungspausen und deine Gebete dienen dazu, Gott die Ehre zu geben.“ (aus: Was wirklich zählt)

John Wesley schreibt hier davon, dass Jesus Christus dein Leben völlig umkrempelt. Und genau das meint Jesus, mit den Worten, vom „neu geboren werden“. Nikodemus hat die Wundertaten Jesu gesehen, aber er ist noch nicht soweit sein Leben dementsprechend zu verändern. Deshalb sieht er das Reich Gottes nicht – modern gesagt: Jesus Christus hat sein Leben noch nicht umgekrempelt. Er ist noch nicht „von oben her neu geboren worden“. Und deshalb wiederholt Jesus seine Worte und erklärt Nikodemus, dass es auf ein neu geboren werden aus Wasser und Geist ankommt. Er sagt: „Was von Menschen geboren wird, ist ein Menschenkind. Was vom Geist geboren wird, ist ein Kind des Geistes.“

Hier spielt der Evangelist Johannes sehr wahrscheinlich auf die christliche Taufe an. Johannes stellt fest: Ohne die christliche Taufe gibt es für den Menschen keine Möglichkeit in das Reich Gottes hineinzugehen. Denn in der Taufe sagt Gott zu uns Ja. Aus dem Menschenkind wird ein Kind des Geistes. Nach Johannes kann der Mensch nicht selber wählen, in das Reich Gottes hineinzugehen, sondern es liegt am Geist Gottes, ob man erwählt wird. Für den Evangelisten Johannes ist Glaube also ganz eindeutig ein Geschenk Gottes. Und dieses Geschenk Gottes ergeht an alle Menschen. Denn einige Verse später sagt Jesus: „Denn so sehr hat Gott diese Welt geliebt: Er hat seinen einzigen Sohn hergegeben, damit keiner verloren geht, der an ihn glaubt. Sondern damit er das ewige Leben erhält. Gott hat den Sohn nicht in diese Welt gesandt, damit er sie verurteilt. Vielmehr soll er diese Welt retten.“

In diesen Worten offenbart sich Jesus auf eine ganz besondere Weise. Kein Wunder, dass Jesus deshalb sagt: „Wundere dich nicht über das, was ich dir gesagt habe. ‚Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‘“

Dieser Ausdruck „neu geboren werden“ erinnert mich an einen Satz, den ich immer mal wieder gerne sage. Nämlich: „Ich fühle mich wie neu geboren.“ - Ich sage das, wenn ich etwas Tolles erlebt habe. Nach einer guten Begegnung, nach einem Spaziergang durch den Wald, nach einem wohltuenden Bad in der Badewanne.

„Wie neugeboren“ - das ist etwas Anderes als „neu geboren werden“, aber das Gefühl ist ganz ähnlich. Wenn ich „neu geboren wurde“, dann fühle ich mich wie „neu geboren“. Wenn Jesus mein Leben wirklich umkrempelt, dann bekomme ich Kraft und Energie meine Aufgaben zu erfüllen und mein Leben zu gestalten. Mein Leben wird dann sinnvoll und ich hinterfrage das, was ich bisher getan habe.

Ich schwimme nicht mehr mit dem Strom mit oder wie John Wesley sagt: „Die Liebe Gottes verändert dich so, dass du es nicht mehr nötig hast zu lästern, zu lügen oder über andere schlecht zu reden. (...) Du redest mit anderen und über andere so, dass es sie aufbaut, ihnen Kraft gibt und ihre Beziehung zu Gott stärkt. So denkst, sagst und tust du Gutes. Damit folgst du dem Beispiel Jesu und ehrst Gott.“ (aus: „Was wirklich zählt“) 

Für Nikodemus ist es nicht ganz so verständlich, was Jesus da sagt. Und Jesus scheint das zu merken, denn er erzählt Nikodemus eine erklärende Beispielgeschichte vom Wind. Er sagt: „Auch beim Wind ist es so: Er weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird.“ Der Wind ist unfassbar und nicht zu berechnen, aber dennoch mächtig, wirklich und für die Menschen wahrnehmbar.

Das Spannende an diesem Gleichnis ist, dass im Griechischen das Wort für Wind und das Wort für Geist, etymologisch, also sprachwissenschaftlich dasselbe ist. Im Griechischen ist daher jedes Mal von „pneuma“ die Rede. Vom Geist. Vom Wind.

Das Gleichnis sagt also: Genau das gleiche gilt für den, der neu geboren worden ist. Für den Menschen, dessen Leben Christus umgekrempelt hat. Bei einem solchen Menschen spürt man wohl etwas Ungewöhnliches, Fremdes; aber mehr nicht. Das Woher und Wohin bleibt einem fremd.

Und das gilt genauso für Jesus selbst und seine Wundertaten. Die Menschen sehen zwar seine Wunder, wie sie den Wind hören, aber sie wissen nicht, woher er kommt und wohin er geht. Sie wissen nicht, dass Jesus diese Wunder nur tut und tun kann, weil der himmlische Vater durch ihn wirkt.

Was heißt das für uns?

Ich glaube, diese Geschichte will uns zwei Dinge sagen: zum einen: Die Botschaft Jesu ist nicht für jeden sofort verständlich. Es gibt theologische Sachverhalte, wie zum Beispiel die Dreieinigkeit Gottes, die schwer nachvollziehbar oder verstehbar sind. Auch Gelehrte brauchen dann sozusagen „Nachhilfe“. So wie Nikodemus, der das Gespräch mit Jesus sucht und nach diesem Wind-Beispiel nochmals fragt: »Wie ist das möglich?« 10

Und Jesus antwortet fast leicht irritiert: »Du bist Lehrer Israels und verstehst das nicht? 11 Amen, amen, das sage ich dir: Das, was wir wissen, davon reden wir. Und das, was wir gesehen haben, das bezeugen wir. Aber das, was wir bezeugen, nehmt ihr nicht an. 12 Ihr glaubt mir schon nicht, wenn ich zu euch von irdischen Dingen spreche. Wie wollt ihr mir dann glauben, wenn ich zu euch von himmlischen Dingen rede?«

Nach diesem weiteren Dialog frage ich mich, ob Jesus hier Mitleid mit Nikodemus hat oder innerlich empört den Kopf schüttelt. Irgendwie ist es eine Mischung aus beidem. Klar ist für Jesus jedenfalls: Wer schon nicht die irdischen Dinge versteht, wird es schwer haben, die Wunder und Zeichen auf der Erde als Taten von Gott zu deuten und diese himmlischen Dinge zu begreifen. Und damit kommen wir zu zweitens, denn die Geschichte zeigt außerdem:

Glauben und Nachfolge ist immer ein Abenteuer. Es ist ein Wagnis, sich auf Gott und ein Leben mit Jesus einzulassen. Wer sich auf dieses Wagnis einlässt, ist unterwegs und wird mal hierhin, mal dorthin gelockt – so wie der Wind. Unsicherheit und Freiheit gehen Hand in Hand. Und auch Zweifel gehören dazu; denn genau das, macht den Glauben aus.

Und deshalb wünsche ich uns allen, dass wir uns nicht entmutigen lassen, wenn wir einen theologischen Sachverhalt nicht sofort verstehen, sondern, dass wir uns auf das Abenteuer mit Gott einlassen. Denn der dreieine Gott kann und will nicht für sich sein. Er lädt jede und jeden dazu ein, mit ihm zusammen Gemeinschaft zu leben und zu teilen.

Amen.


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