Predigt: Gottesdienst 14.06.2020

Predigt: Gottesdienst 14.06.2020

Liebe Gemeinde,

„Herr, mach uns stark im Mut“ – dieses Lied haben wir gerade gesungen. Dieses Lied habe ich als Grundlage für meine Predigt heute ausgesucht.  

Dieses Lied passt sehr gut zum 1. Sonntag nach Trinitatis, den wir heute im Kirchenjahr feiern. Denn an diesem Sonntag geht es darum, wie wir als Christinnen und Christen unsere Beziehung zu Gott und zu unseren Geschwistern und Mitmenschen leben und gestalten.

Wir haben heute in der alttestamentlichen Lesung bereits gehört, dass Gott uns dazu auffordert „ihn von ganzen Herzen zu lieben. Und ebenso unsere Mitmenschen“ – also ein Leben in der Nachfolge zu leben.

Doch wie kann dies geschehen?

Es gibt so viele Angebote und Möglichkeiten mein Leben zu gestalten – doch ich frage mich: führen sie mich wirklich in die richtige Richtung oder leiten sie mich nicht eher fehl oder lenken mich vom eigentlichen Ziel meines Lebens ab?

Wie erkenne ich Gottes Stimme in all den Stimmen und Angeboten um mich herum? Und was kann mir helfen, seine Stimme aus dem Wirrwarr herauszuhören?

Es gibt verschiedene „Hörhilfen“, die mir helfen können: Die Worte und Werke Jesu, die ich in der Bibel nachlesen kann. Das Zeugnis von Mose und den anderen Propheten. Oder eben geistliche Lieder, die mich in ihrer Aussage ermutigen und mir helfen mich zu orientieren.

Deshalb habe ich heute das Lied 675 als Grundlage für meine Predigt ausgewählt.

Zu Beginn meiner Predigt möchte ich euch zunächst erzählen, wie dieses Lied entstanden ist[1]:

Normalerweise werden die Melodien zu Liedtexten geschrieben. Manchmal wird aber auch zu einem fertigen Text eine passende Melodie gesucht.

Gelegentlich kommt aber auch folgendes vor: Ein Dichter ist so sehr von einer Melodie fasziniert, dass er einen Text zu eben dieser Melodie schreibt.

Und genauso ist das bei unserem Lied geschehen, das wir heute genauer kennenlernen werden.

Denn Anna Martina Gottschick hat auf Anregung des Komponisten Heinz-Werner Zimmermann, 1972 zu der Melodie von Ralph Vaughan Williams das Lied „Herr, mach uns stark im Mut“ geschrieben.

Die Melodie dieses Liedes ist durch eine doppelte Bewegung bestimmt: die absteigende Linie des ersten Teils und dann der Aufschwung zur triumphierenden Höhe, der den zweiten Teil kennzeichnet. Durch seine Töne wird das Halleluja der letzten Zeilen geradezu hervorgerufen.

Anna Martina Gottschick hat diese Bewegung mit ihrem Text in Worte gefasst.

Immer wieder wechselt in dem Lied der Blick auf das Elend, das die Menschen gefangen hält – hin zur Schau in eine Zukunft mit Gott, in der alles Leid überwunden werden wird.

Aber die leidvolle Gegenwart und die vom Heil Gottes erfüllte Zukunft stehen sich nicht wie irdisches Jammertal und zukünftiges Paradies gegenüber.

Nein. Das Licht der Liebe Gottes dringt schon jetzt in eine finstere Welt und leuchtet durch die Hoffnung, die sie in den Herzen von Menschen entzündet. Hinein in das Dunkel von Schuld und Tod.

Diese Hoffnung entfaltet die Dichterin in fünf Strophen mit Bildern, die sich eng an biblischen Aussagen und Visionen anlehnen. Menschliche Sehnsucht und Gottes Zusage sind miteinander verwoben. Bitten für die Gegenwart und der hoffende Ausblick auf Gottes Zukunft gehören untrennbar zusammen.

 

Strophe1

Dieser Grundton bestimmt schon die erste Strophe. Denn da heißt es:

 

„Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt,

dass unser Licht vor allen Menschen brennt.

Lass uns dich schaun im ewigen Advent.

Halleluja, halleluja.“

In dieser Strophe wird Kraft für das Leben heute erbeten. Aber nicht nur für die vielen kleinen und großen Aufgaben, vor denen wir täglich stehen, sondern für den Mut zum Bekenntnis vor den Menschen.

 

Denn dieses Bekenntnis zu Christus ist das Licht, das die Menschen brauchen. Denn wenn wir Gottes Liebe bezeugen, sind wir das Licht der Welt. So wie das Christus von seinen Jüngern und Jüngerinnen gesagt hat (Mt 5,14). 

Aber unser Licht genügt nicht. Erfüllung finden unser Leben und das Geschick dieser Welt erst, wenn Gott selbst und für immer diese Welt mit seiner Gegenwart erfüllt.

Das ist der ewige Advent, von dem Anna Martina Gottschick spricht. Und die Worte „Gott zu schauen“ beschreiben die eigentlich unbeschreibliche Begegnung mit Gott, in der unser Leben ans Ziel kommt.

 

Kommen wir zu Strophe 2.

„Tief liegt des Todes Schatten auf der Welt,

aber dein Glanz die Finsternis erhellt.

Dein Lebenshauch bewegt das Totenfeld.

Halleluja, halleluja.“

 

Diese Strophe malt ein dunkles Bild von der Welt. Sie zeichnet die Wirklichkeit dieser Welt mit dem Bild vom Schatten des Todes, der es auf dieser Erde finster und kalt macht.

Aber diese Todesschatten müssen mir keine Angst machen oder mich bedrücken, denn die Bibel sichert mir immer wieder zu: In Christus hat schon begonnen, was die Propheten verheißen: Gottes Herrlichkeit erhellt das Dunkel (Jes 8) und sein Geist haucht Leben in die Totengebeine einer innerlich toten Menschheit (Hesekiel 37).

 

Und so geht es in Strophe 3 weiter:

„Welch ein Geheimnis wird an uns geschehn!

Leid und Geschrei und Schmerz muss dann vergehn,

wenn wir von Angesicht dich werden sehn.

Halleluja, halleluja.“

 

In dieser Strophe wird fortgesetzt, was uns bereits in Strophe 2 angedeutet wurde. Nämlich, dass Gott mit uns durch die dunklen Stunden geht. Er vollendet seinen Weg mit uns Menschen
Noch ist das, was dann geschieht, Geheimnis; aber in der Schau, die Gott dem Seher der Offenbarung gab, ist das Ziel schon sichtbar:

Denn in Buch der Offenbarung heißt es: Wenn Gott alle Tränen abwischen wird, dann wird weder Tod, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein (Off. 21,4); und die, die zu ihm gehören, werden sein Angesicht sehen (Off. 22,4).

 

Das heißt, das, was Mose laut der biblischen Erzählung verwehrt wurde (2. Mose 33,20), das wird zur Erfüllung unseres Lebens mit Gott: ihn sehen, wie er ist (1. Joh 3,2).

 

Nun in Strophe 4 wird unser Blick zurück auf die irdische Wirklichkeit gelenkt:

„Aber noch tragen wir der Erde Kleid.

Uns hält gefangen Irrtum, Schuld und Leid;

Doch deine Treue hat uns schon befreit.

Halleluja, halleluja.“

 

Jetzt geht es darum, wie wir auf der Erde leben: Wir leben unser Leben noch unter irdischen Bedingungen und bleiben dabei immer wieder in den Grenzen des Menschseins gefangen.

Wer kennt das nicht?

Es gibt Situationen, wo ich falsch liege. Wo ich andere Menschen verletzte oder nicht ihren Erwartungen und Wünschen gerecht werde oder genüge. Ich irre mich. Werde schuldig an anderen und mir. Oder leide an vielem. An der aktuellen politischen Lage, an Corona und die Konsequenzen daraus, oder an den ganzen „Baustellen“, die mein Leben gerade für mich bereit hält… und so weiter.

Vermutlich könnte jede und jeder von uns diese Liste noch beliebig fortsetzen.

Aber das Lied ermutigt uns dazu, darauf zu vertrauen, dass eines uns hält und uns den Weg zur Freiheit führt: Und zwar, die Treue Gottes. Denn Gott hat in Christus diese Grenzen auf sich genommen und durchbrochen.

 

Nicht wir

              müssen Gott finden,

              sondern er findet uns;

nicht wir

              müssen die Brücke zu Gott bauen,

              sondern ER hat sie für uns errichtet;

nicht wir

              müssen Gott lieben,

              sondern ER hat uns zuerst geliebt;

 

Und so schließt das Lied mit Strophe 5:

„So mach uns stark im Mut, der dich bekennt,

dass unser Licht vor allen Menschen brennt.

Lass uns dich schauen im ewigen Advent.

Halleluja, halleluja.“

 

Die letzte Strophe des Liedes nimmt nochmals die Bitten der ersten Strophe des Liedes auf:

Walter Klaiber schreibt hierzu: Es geht um „die Bitte um den Mut, das Licht der Liebe Gottes in die Dunkelheit menschlichen Gefangenseins hineinzutragen, und um die endgültige Befreiung im Licht von Gottes bleibendem Kommen.“

Mich ermutigen diese Worte, denn für mich heißt das: als Christin bin ich nicht allein unterwegs. Ich vertraue darauf, dass einer mit mir geht. Gott ist es, der mir in all meinen Tagen nahe ist.

Erst vor ein paar Wochen haben wir Pfingsten gefeiert. An Pfingsten feiern wir die Geistgabe: Die Geistkraft als eine Seite der Trinität kommt zu uns Menschen, um in und durch uns zu wirken.

Das heißt: als Christinnen und Christen bekommen wir den Auftrag die frohe Botschaft in die Welt zu tragen. Wir bekommen den Auftrag uns zu Christus zu bekennen und einander zu lieben und zu achten.

Ich bin überzeugt: jede und jeder von uns ist schon mal an die ein oder andere Grenzen in seinem oder ihrem Leben gestoßen. Grenzen, die die Welt um uns dunkel erscheinen lassen oder die uns ein Gefühl von Gefangen-Sein geben.

Diese Grenzen können wir weiten. Jede und jeder von uns ist eingeladen hierzu den ersten Schritt zu machen. Wenn ich es schaffe, meine Mitmenschen zu achten und ihnen liebend und vergebend zu begegnen, dann baue ich Grenzen ab.

Und wenn jede und jeder von uns das immer wieder versucht, werden immer mehr Grenzen fallen.

Grenzen, die Platz schaffen für die Liebe und die frohe Botschaft Gottes.

Dann strahlt das Licht in die Dunkelheit.

 

Für diese Aufgabe brauchen wir Menschen wirklich Mut und ich lade euch ein, immer mal wieder diesen Mut von Gott zu erbitten, so wie wir es vorhin bereits in der fünften Strophe gesungen haben:

 

„So mach uns stark im Mut, der dich bekennt,

dass unser Licht vor allen Menschen brennt.

Lass uns dich schauen im ewigen Advent.

Halleluja, halleluja.“

 

Amen.

 

[1] Vgl. Handt, Voller Freude, S. 152ff.


Drucken