Predigt: Gottesdienst 18.10.2020

Taufansprache

zur Taufe von Leopold Pichler und Leander Schuhmann

Liebe Taufgemeinde,

heute ist ein besonderer Tag. Heute taufen wir Leopold und Leander. Bei der Taufe werden Leopold und Leander gesegnet. Mit Wasser werden sie auf den dreieinigen Gott gesegnet werden. Zu segnen und gesegnet zu werden, ist etwas Besonderes. Am Ende eines jeden Gottesdienstes steht der Segen. Doch an besonderen Anlässen bekommt man den Segen ganz persönlich zugesprochen: zum Beispiel an der Taufe, an der Einsegnung, bei der Gliederaufnahme oder bei der kirchlichen Trauung.

Wenn ich an das Wort „Segen“ denke, fallen mir verschiedene Geschichten und Dinge ein. Ein paar davon möchte ich mit euch teilen:

Als ich letzten Herbst auf einer Weiterbildung war, hat mir jemand vom „Segensroboter“ erzählt. Ich weiß nicht, wer von euch schon mal etwas von dieser Erfindung gehört hat. Der Segensroboter ist eine Maschine, die auf Knopfdruck, die Roboterarme hebt und einen Segen spricht. Dieser Segensroboter hat ziemlich für Furore gesorgt als er an einem Kirchentag aufgestellt wurde – doch viele Menschen haben ihn probiert und danach gesagt: „Das hat sich wie ein echter Segen angefühlt. Ich fühle, dass ich gesegnet worden bin.“ Für mich total erstaunlich, dass selbst eine Maschine Segen spenden kann. 

Die zweite Geschichte hat mir einmal ein Kollege erzählt. Sonntag für Sonntag kam ein gehörloser Mensch in den Gottesdienst. Die Menschen um ihn herum haben nicht verstanden, warum er das tut. Er hat ja schließlich nichts verstanden. Einmal wurde er dann auf Gebärdensprache gefragt, warum er denn in den Gottesdienst kommt, wo er doch nichts versteht und der Mann hat geantwortet: „Immer wenn der Pastor am Ende des Gottesdienstes die Arme hebt, weiß ich jetzt werde ich gesegnet.“

In diesen Worten des Mannes wird deutlich, wie bewegend, berührend und schön es ist, gesegnet zu werden. Ich habe das immer wieder während Corona von Menschen erzählt bekommen und es auch selbst erlebt: als die Gottesdienste ausgefallen sind und die Kirchen zu waren, haben viele zu mir gesagt, an der Kirche vermisse ich nicht so viel, aber der Segen, der fehlt mir.

Segen hat eine große Wirkung. Das erlebe ich immer wieder. Ein Mensch kann nichts mit Kirche am Hut haben; einen Segenszuspruch hat noch niemand abgelehnt. Salopp gesagt, „den Segen nimmt man dann gern noch mit“.

Was ist also Segen? Was ist das Besondere und Faszinierende am Segnen und gesegnet werden?

Zunächst einmal ist Segen Gottes Schutz vor lebenszerstörenden Kräften. Im Segen da zeigt sich Gottes Handeln, das alles Lebendige stärken will und stärker ist als der Tod. 

Deshalb drückt sich Gottes Segen auch in Gütern aus, die Leben erhalten und fördern. Das heißt: Gott lässt Mitmenschen zum Segen werden. Sie bereichern unser Leben. Und genauso kann Segen auch das Entstehen von Ideen und Gedanken in unseren Köpfen und Herzen sein. Oder das Verstanden-Haben der Ideen anderer.

Segen: das ist das selbstständige Wachsen und Reifen. Segen gibt mir zu verstehen, dass ich mein Leben nicht selbst in der Hand habe, sondern alles von Gott empfange. Alles ist Geschenk, alles ist Gnade.

Durch den Segen wird mir bewusst: Ich bin auf Gott bezogen und Teil seiner Schöpfung. Wir sind seine Geschöpfe. Jede und jeder einzelne von uns.

Wenn ich das in einem stillen Moment verstehe und sozusagen im Geiste erschlossen bekomme, ist das selbst ein Segen. Meine Dankbarkeit kann in ein Dankgebet übergehen. Erst im Rückblick durch mein Dankgebet wird mir dann bewusst, was der Schatz des Segens war. Denn erst im Gebet spreche ich es aus. So lässt sich zusammenfassend sagen: Segen wird immer erst im Rückblick verstanden, in der Gegenwart genossen und für die Zukunft erhofft.[1]

Auf unseren heutigen Tag übertragen heißt das Folgendes: Leopold und Leander werden heute gesegnet. Doch heute werden sie diesen Segnungsakt nicht mit ihrem Verstand erfassen. Vielleicht genießen sie ihn – oder aber sie schreien, weil das Wasser sie erschrickt. Doch liebe Saskia und Carlo, liebe Tanja und David, ihr als Eltern erhofft euch durch die Taufe Gottes Segen für euer Kind für die Zukunft.

Gesegnet zu werden ist ein Moment von Passivität. Die Person, die gesegnet wird, macht nichts. Sie ist passiv.[2] Sie lässt geschehen. Das heißt: ich kann mich nicht selber segnen. Segen ist nur in Gemeinschaft möglich. Ich brauche ein Gegenüber. Eine segnet, einer empfängt. Das ist Segen. Und jede und jeder darf segnen. Das ist kein Privileg für Ordinierte.

Und weil oder wenn „man sich dann auf den Segen einlässt und gesegnet werden will, erwartet man von Gott eine bevorstehende segensreiche Zeit. Sie wird einem im Segenswort ja so zugesprochen.

Die Gestik des Segnenden unterstreicht zum einen den Moment der Passivität für den, der gesegnet wird: du wirst beschenkt. Du bist Empfangender.

Zum anderen verstärkt die Gestik auch das Aus- und Zugesprochene – und dafür muss sie nicht einmal in einer körperlichen Berührung bestehen.“[3]

Wenn ich am Ende des Gottesdienstes die Arme zum Segnen heben, berühre ich dabei niemanden und dennoch verstärkt diese Geste den Segen, den ich Euch dabei zuspreche.

Das heißt also: weil ich Gott vertraue, erwarte ich von ihm alles Lebensfördernde. Im Gesegnet werden, öffne ich mich also für Gott, um mich von ihm beschenken zu lassen.

Das erklärt auch, warum Segen oft an Schwellensituationen zugesprochen wird. Der Segen dient als Ausstattung für das Neue. Die Welt steht offen. Der nächste Schritt ist dran. Gesegnet geht man seinen Weg weiter. So ist das auch bei Abraham gewesen. Im ersten Buch Mose, Kap. 12 wird uns erzählt (Gen 12,1-7):

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. 5 So nahm Abram Sarai, seine Frau, und Lot, seines Bruders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie gewonnen hatten, und die Leute, die sie erworben hatten in Haran, und zogen aus, um ins Land Kanaan zu gehen. Und sie kamen in das Land, 6 und Abram durchzog das Land bis an die Stätte bei Sichem, bis zur Eiche More; es wohnten aber zu der Zeit die Kanaaniter im Lande. 7 Da erschien der HERR dem Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dies Land geben. Und er baute dort einen Altar dem HERRN, der ihm erschienen war.

An dieser Geschichte zeigt sich wunderschön, was Segen bedeutet. Abram wird von Gott gesegnet. Und Gott ist der Urheber des Segens. Aus seiner Macht heraus empfängt Abram den Segen.

Abram wird gesegnet und dadurch beschenkt. Danach befolgt er den Auftrag Gottes und verlässt mit seiner gesamten Sippe das Vaterland. Im neuen Land angekommen, baut Abram aus Dankbarkeit, weil er von Gott gesegnet wurde, einen Altar.

 Aus dem Segen wird so ein Lobpreis.

Um mit dem Theologen Michael Meyer-Blank zu sprechen: „Segen ist die ‚Gut-Sagung‘ Gottes über dem Menschen und den Schöpfungsgaben, aber zugleich auch der Lobpreis des Menschen für Gottes Handeln.“[4]

Doch wer sich in der Bibel auskennt, weiß: Abrams Leben verläuft nicht ohne Probleme oder Zwischenfälle. Direkt die nachfolgende Geschichte im gleichen Kapitel erzählt, wie Abram mit Sarai so richtig in die Bredouille kommt und die Ahnfrau Sarai gefährdet wird. 

Das heißt: Der Segen ist keine Garantie für ein segensreiches Leben. Es kann sich eben auch in manchen Situationen wie verflucht anfühlen. Denn „Auswirkungen von Segen bleiben für uns unverfügbar. In Gottes Handeln haben wir keine Einsicht. Segensformeln (…) werden im Vertrauen auf Gottes Güte gesprochen.“[5] Eine Garantie für die Güte und segensreiche Auswirkungen aber gibt es nicht.

Und doch wird Abram zum Segen für viele. Dieser Segensakt hat Signalwirkung. Abram bekommt durch den Segen eine Art Vollmacht mit auf den Weg: Gott wendet sich Abram voll und ganz zu. Er spricht Abram durch diesen Segen Lebensrecht und unverbrüchliche Akzeptanz zu.

Und zugleich verheißt Gott Abram eben auch, dass Abram selbst ein Segen sein soll, wenn es heißt: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ 

Hier wird die dritte Dimension des Segens deutlich: Segen ist nicht allein eine lobpreisende Antwort, sondern ebenso eine ethische Ver-antwort-ung. Im Segen wird die Tatkraft in einem geweckt, selbst zum Segen für andere zu werden.

Segen hat also folgende drei Dimensionen:

Erstens: Gott als Urheber des Segens. Zweitens: der Mensch, dem der Segen zugesprochen wird und drittens: Die Antwort des Gesegneten in Form eines Lobpreises oder der Weitergabe des Segens, indem man selbst zum Segen für andere wird.

Wir haben jetzt viel über den Segen gehört. Die Segnung anlässlich der Taufe ist (meist) der erste Segen, der einem Menschen ganz persönlich zugesprochen wird. Er berührt den ganzen Menschen und signalisiert dem Täufling, dass Gott sich hundertprozentig ihm zuwendet. Der Segen öffnet den Blick auf eine verheißungsvolle Zukunft, die durch Gottes Behütet-Sein begleitet ist.

Leander und Leopold werden den Segen Gottes heute durch die Handauflegung und das fließende Wasser spüren und körperlich erfahren. Der Segen wird sie im wahrsten Sinne des Wortes berühren.

Wir sind gewiss, dass Gott sich mit seiner lebensfördernden Kraft zu ihnen stellt und hoffen darauf, dass dieser Segenszuspruch und das Ja Gottes für die beiden in der Zukunft zur Gewissheit wird und sie dieses Ja zu Gott in ihrem eigenen Ja zu Gott erwidern.

Für uns anderen, ist die Taufe eine Erinnerung an unsere eigene Taufe und an die Begleitung Gottes in unserem Leben. Ich lade euch deshalb ein, die Taufe als Impuls zu nehmen, euch zu fragen: „Wo hat Gott in meinem Leben seine Segensspuren hinterlassen?“

In diesem Sinne: Seid gesegnet mit den Worten, die Gott, der Herr zu Abram gesprochen hat: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!

Amen.

Predigt gehalten am 18.10.2020

von Pastorin Mareike Bloedt

[1] Vgl. Winter, Dietmar in: anknüpfen update 2.7, S. 4.

[2] Vgl. Winter, Dietmar in: anknüpfen update 2.7, S. 4.

[3] Vgl. Winter, Dietmar in: anknüpfen update 2.7, S. 5.

[4] Vgl. Winter, Dietmar in: anknüpfen update 2.7, S. 6.

[5] Vgl. Winter, Dietmar in: anknüpfen update 2.7, S. 6.


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