Predigt: Gottesdienst 24.05.2020

Predigt: Gottesdienst 24.05.2020

Liebe Gemeinde,

wer von euch hat sich schon einmal alleine und verlassen gefühlt? Kennt ihr das, dass ihr schon mal gedacht habt: ich brauche jetzt jemanden, der mir hilft, ich krieg das alleine einfach nicht hin?

Jede und jeder kommt in seinem Leben mal an so einen Punkt. Wenn jemand zum Beispiel im Homeschooling merkt, dass er oder sie den Lernstoff nicht hinkriegt oder nicht kapiert. Wenn eine Beziehung auseinandergeht oder wenn ein lieber Mensch stirbt. Wenn irgendwie nichts so ist, wie es sein sollte, und man sich einfach nur noch alleine fühlt.

Gerade in Zeiten von Corona bekommt das Thema „Einsamkeit“ eine ganz neue Dimension. Egal, ob jung oder alt haben viele von uns in den letzten Wochen ihre sozialen live Kontakte stark heruntergefahren und minimiert. Das ist schwer und fordert heraus. Und Corona hat nicht nur viele einsamer gemacht, sondern Corona führt uns auch die Endlichkeit des Lebens vor Augen.

 Mein Bruder ist Biologie und Chemie Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Und kurz nach der ersten Corona-Hochphase haben wir telefoniert und er hat mir Folgendes erzählt: „Weißt du, da sitze ich vor meinem Rechner im Homeschooling und erlebe Schüler, die völlig geschockt sind, dass Menschen sterben können und das Leben endlich ist. – das war für manchen meiner Schüler eine absolute Neuheit. Dieses Erlebnis zeigt mir, dass meine Aufgabe als Lehrer auch ist, dass ich mit meinen Schülern die Endlichkeit des Lebens thematisiere. Wir haben da echt Nachholbedarf…“

Ich war sehr erstaunt, als mein Bruder mir das erzählt hat. Für uns beide ist der Tod immer ein stückweit präsent gewesen. Unsere Eltern arbeiten beide als Pflegekräfte im Krankenhaus – da kam es schon mal vor, dass einer unserer Eltern heimkam und meinte „heut ist uns einer auf dem Tisch geblieben“.

Mein Bruder und ich wurden beide in dem Wissen erzogen, dass das Leben sehr schnell vorbei sein kann. Da braucht es keine schwere Krankheit. Meine Mama hat immer gesagt: „Einmal beim Überqueren der Straße nicht aufgepasst oder ein Autofahrer, der nicht aufpasst und schwupp, ist das Leben vorbei… Das kann sehr schnell gehen.“

Und für uns beide war das keine schlimme Vorstellung. Für mich heißt sterben, dass ich zu Gott heimkehre. Klar, ist es komisch, sich vorzustellen, dass das irdische Leben endet; aber Angst vor dem Tod habe ich nicht. Mein Glaube hilft mir dabei verhältnismäßig gelassen zu sein.

Anders war das bei den Jüngern und Jüngerinnen Jesu. Sie hatten noch kaum von einem Leben nach dem Tod gehört oder sich damit auch nur annähernd beschäftigt. Als Jesus gestorben ist, hatten sie keine Vorstellung davon, was eine Auferstehung sein könnte. Sie trauerten – doch dann drei Tage nach der Kreuzigung begegnen sie Jesus als Auferstandenen. Und Jesus bleibt als Auferstandener zunächst bei seinen Jüngerinnen und Jüngern. Es ist fast wie früher. Doch dann kommt Himmelfahrt. Jesus kehrt zu seinem Vater in den Himmel zurück.

 Ich glaube, bei diesem zweiten Abschied haben sich die Jünger genauso allein gefühlt, wie manche von uns sich während Corona alleine fühlen.

Jesus war wieder da. Alles schien plötzlich wieder gut – und dann ist er einfach wieder weg. Wie soll das alles weitergehen, ohne ihn?

An Himmelfahrt, was wir am Donnerstag gefeiert haben, erinnern wir uns an diesen zweiten Abschied Jesu. Kurz bevor Jesus in den Himmel auffährt, sagt er zu seinen Jüngern: „Und seht doch: Ich werde den Geist zu euch senden, den mein Vater versprochen hat. Bleibt hier in der Stadt, bis ihr diese Kraft von oben empfangen habt.“ (Lk 24,49)

Nach diesen Worten erinnern sich die Jünger inmitten ihrer Trauer, dass Jesus ihnen bereits kurz vor seinem Tod einen Tröster und Beistand versprochen hatte.

Ich lese uns einen Teil dieser Abschiedsrede vor. Sie steht in Johannes 16,4b-15. Ich lese aus der Basisbibel.

4 »Ich habe euch das alles nicht von Anfang an gesagt, weil ich ja bei euch war. 5 Aber jetzt gehe ich zu dem, der mich beauftragt hat. Und keiner von euch fragt mich: ›Wo gehst du hin?‹ 6 Im Gegenteil: Ihr seid nur traurig, weil ich euch das gesagt habe. 7 Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, wenn ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, kommt der Beistand nicht zu euch. Aber wenn ich fortgehe, werde ich ihn zu euch schicken. 8 Wenn dann der Beistand kommt, wird er der Welt vor Augen führen, was Schuld ist und was Gerechtigkeit und Gericht – 9 Schuld: dass sie nicht an mich glauben; 10 Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe, wo ihr mich nicht mehr sehen könnt; 11 Gericht: dass der Herrscher dieser Welt schon verurteilt ist. 12 Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber das würde euch jetzt überfordern. 13 Wenn dann der Beistand kommt, wird er euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen. Denn er ist der Geist der Wahrheit. Was er sagt, stammt nicht von ihm selbst. Sondern er wird das weitersagen, was er hört. Und er wird euch ankündigen, was dann geschehen wird. 14 Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen: Denn was er euch verkündet, empfängt er von mir. 15 Alles, was der Vater hat, gehört auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was der Geist euch verkündet, empfängt er von mir.«

 

Jesus erzählt hier sehr ausführlich, dass es Zeit für ihn zu gehen ist – und er weiß, was das mit seinen Jüngern machen wird: Sie werden sich alleine fühlen und trauern. Deshalb verspricht Jesus ihnen einen Beistand. Einen Tröster.

Doch fangen wir ganz vorne an. Da heißt es: 4 »Ich habe euch das alles nicht von Anfang an gesagt, weil ich ja bei euch war. 5 Aber jetzt gehe ich zu dem, der mich beauftragt hat. 

Hier wird deutlich: solange Jesus mit seinen Jüngern unmittelbar im Gespräch war, hat es keine Sonderbelehrungen über die Herausforderungen der Zukunft gebraucht. Aber jetzt steht ein ganz neuer Abschnitt ihres Weges mit Jesus bevor. Er wird nicht mehr leiblich mit ihnen unterwegs sein. Sie können ihn nicht mehr unmittelbar etwas fragen oder ansprechen. Es stehen also Veränderungen an.[1]

 

Jesus wird zu seinem Auftraggeber zurückgehen. Ist ja eigentlich ganz logisch: Zum Auftrag eines Gesandten gehört eben auch die Rückkehr zu dem, der ihn gesandt hat. – in diesem Fall ist der Gesandter Jesus und der, der gesandt hat, ist Gott.

Anscheinend haben die Jünger das immer noch nicht begriffen. Deshalb sagt Jesus mit einem gewissen Vorwurf: Und keiner von euch fragt mich: ›Wo gehst du hin?‹ Diese Feststellung verwundert, denn an anderer Stelle wird erzählt, dass Petrus und Thomas Jesus sehr wohl indirekt genau diese Frage stellen. Kein Wunder, dass deshalb so manche Ausleger sich ausführlich damit beschäftigt haben. Und die Ausleger sind sich uneinig. Wurden die biblischen Texte umgestellt und neu sortiert? Oder ist diese Ungereimtheit ein Stilmittel, um die Verwirrtheit der Jünger auszudrücken?

Ich weiß es nicht. Aber was ganz eindeutig ist, dass die Jünger innerlich blockiert sind. „Jesus nennt auch den Grund dafür: ‚weil ich euch dies gesagt habe, hat Trauer euer Herz erfüllt.‘ Die Jünger sehen nur, dass ihnen Jesus genommen wird. Die Sorge und Trauer darüber, dass sie verlassen zurückbleiben, verdrängt die Frage nach dem Weg Jesu. So bleibt ihnen die heilvolle Perspektive verschlossen, die sein Weggang und seine Rückkehr zum Vater eröffnet.“[2]

Jesus will seinen Jüngern aber die Augen öffnen. 7 Doch ich sage euch die Wahrheit: Mit diesen Worten drückt sich Jesus doppeldeutig aus. Zum einen heißt das: das, was Jesus sagt stimmt. Zum anderen heißt es: Ich lasse euch wissen, was das für euch bedeutet. Ich weihe euch hier in das Mysterium, das Geheimnis des Glaubens und die Wege Gottes, und damit in meine Pläne ein.

Es ist gut für euch, wenn ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, kommt der Beistand nicht zu euch. Aber wenn ich fortgehe, werde ich ihn zu euch schicken. Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, dass Jesus zu seinem Vater zurückkehrt. Diese Rückkehr eröffnet eine neue Dimension der Gegenwart Gottes unter den Menschen. Und das ist hilfreich für die Zukunft. Der Theologe Zumstein fasst das wie folgt zusammen. Er sagt: „Allein das Kreuz als Ort des Todes und der Erhöhung des Sohnes bringt die Offenbarung zu ihrer Vollendung.“ Das heißt: würde Jesus bei seinen Jüngern bleiben, würde Gottes Plan sozusagen scheitern. Es gäbe keine Offenbarung.

Deshalb ist es so wichtig, dass der Beistand, in Form der Geistkraft auf die Erde kommt. Denn die Sendung der Geistkraft eröffnet ganz neue Möglichkeiten für die Jünger. Jede und jeder Einzelne wird so nämlich bevollmächtigt die frohe Botschaft in die Welt zu tragen.

 

Doch das Kommen der Geistkraft hat auch „Nebenwirkungen“: 8 Wenn dann der Beistand kommt, wird er der Welt vor Augen führen, was Schuld ist und was Gerechtigkeit und Gericht. Die Geistkraft ist eben nicht nur Trösterin für die Jünger, sondern ebenso Anwältin Jesu. Jesus wurde von einem weltlichen Gericht zum Tode verurteilt. Nun wird die Welt selbst im endzeitlichen Gerichtsurteil gerichtet. Drei prägnante Punkte führt die geistvolle Anwältin als Anklageschrift vor. Es geht um: (1) Schuld, (2) Gerechtigkeit und (3) Gericht.

Es sind nicht alles Anklagen. Aber in allen Punkten wird die Geistkraft eine gerichtliche Klärung herbeiführen, die den wahren Sachverhalt ans Licht bringt.[3]

 

Als erstes geht es um die Schuld. Die 9 Schuld: dass sie nicht an mich glauben; Das heißt: „Nicht die vielen moralischen Verfehlungen, auch nicht das himmelschreiende Unrecht, der systemische Egoismus und die menschenverachtende Unbarmherzigkeit, die das ‚System‘ dieser Welt kennzeichnen, sind ihre wahre Schuld. Es ist vielmehr ihre Feindschaft gegen Gott, die sich in der Weigerung dokumentiert, an Jesus zu glauben.“[4]

Und das wiederum zeigt, dass zwar „die Welt“ angeklagt wird, aber letztendlich die Zeitgenossen Jesu als Personen gemeint sind. Ein System kann nicht angeklagt werden. Nur Personen im System. Jesus wendet sich hier also gegen alle, die Zeugen seines Wirkens waren, aber dennoch in ihm nicht den Gesandten Gottes erkennen.

Der zweite Anklagepunkt beschäftigt sich mit der Gerechtigkeit. Die 10 Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe, wo ihr mich nicht mehr sehen könnt; Das heißt die Gerechtigkeit wird hier zum positiven Gegensatz der „Schuld“. Gott ist ein gerechter Gott. Das zeigt sich darin, dass Jesus zu seinem Vater zurückkehrt; also den Tod überwunden hat und als Auferstandener lebt. Gott hält also sein Versprechen ein. Er bleibt treu und rettet die Welt, indem er seinen Sohn auf die Welt sendet und nach der Auferstehung und Erfüllung seines Auftrages zurücknimmt.

Der Satzteil „wo ihr mich nicht mehr sehen könnt“ klingt zunächst etwas schräg. Gemeint ist damit, dass der Weggang Jesu für die Jünger kein Grund zur Trauer ist, sondern Beweis dafür, dass er in einer neuen Dimension immer für sie da sein wird. Als Jünger auf Erden werden sie zu Jesu Sprachrohr. Ihre Aufgabe ist es nun die frohe Botschaft in der Welt zu verkündigen und auszubreiten.  

Als letzter Punkt der Anklage geht es um das Gericht. Das 11 Gericht: dass der Herrscher dieser Welt schon verurteilt ist. „Herrscher dieser Welt“ meint allgemein „das Böse“ oder „den Teufel“. Sowohl im Judentum, als auch im Christentum gibt es die Vorstellung und letztlich die Hoffnung auf ein letztes Gericht, wo Gott recht sprechen wird.

Für Christen ist dieses Gericht letztlich mit dem Tod Jesu bereits eingetroffen. Dadurch, dass Jesus stirbt und den Tod – und damit all das Böse und die Macht des Teufels – besiegt, ist das Urteil über die Welt bereits gefällt.

Für die Jüngerinnen und Jünger heißt das: Sie haben die Aufgabe offenzulegen, wie es um die Gottesferne der Welt steht. Die Geistkraft wird ihnen hierzu als Beistand und Helferin gesandt. Wie entscheidend das Wirken der Geistkraft in der Zeit nach Ostern ist, führt Jesus in den folgenden Sätzen aus. Er sagt: 12 Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber das würde euch jetzt überfordern. 13 Wenn dann der Beistand kommt, wird er euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen. Denn er ist der Geist der Wahrheit. Was er sagt, stammt nicht von ihm selbst. Sondern er wird das weitersagen, was er hört. Und er wird euch ankündigen, was dann geschehen wird. 14 Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen: Denn was er euch verkündet, empfängt er von mir. 15 Alles, was der Vater hat, gehört auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was der Geist euch verkündet, empfängt er von mir.«

 

Jesus weiß: „In dieser Stunde der Trauer ist es den Jüngern nicht möglich, die Fülle dessen, was auf sie zukommt, aufzunehmen und zu verarbeiten. Das Wissen um die Größe der Aufgabe, die Bedeutung ihrer Vollmacht und die Bandbreite beglückender und erschreckender Erfahrungen würde sie erdrücken. Doch es ist nicht nötig, dass er jetzt davon spricht. Die Jünger und Jüngerinnen werden in dieser Situation nicht allein sein,“[5] denn die Geistkraft wird ihnen HELFEN die ganze Wahrheit (die Jesus ist und offenbart hat) zu verstehen.

Wichtig ist, wie und was die Geistkraft tut und verkündet. Alles, was die Geistkraft sagt, ist bereits bekannt. Sie verkündet keine neuen Wahrheiten oder Erfahrungen, sondern die Botschaft, die Jesus den Jüngern bereits verkündet hat. Die Geistkraft verkündigt also nicht aus sich selbst, sondern das, was sie hört.

 

Kurz zusammengefasst heißt das: „Die Geistkraft wird keine neuen Offenbarungen bringen, sondern das entfalten und erklären, was Gott durch Wort und Werk Jesu offenbart hat.“[6]

Für die Jünger und Jüngerinnen damals und für uns heute heißt das: Mit dem Heiligen Geist, also der Geistkraft haben wir einen Helfer und eine Anwältin an unserer Seite, wenn es darum geht von Jesus und seinen Wundern in der Welt zu erzählen.

Sein Tod ist nicht das Ende, sondern das Ziel seines Weges. Deshalb müssen wir Menschen uns nicht mehr vom Bösen leiten oder beherrschen lassen. Jesus macht uns frei und lädt jeden einzelnen von uns dazu ein, sich stattdessen von der Geistkraft helfen und leiten zu lassen.

So entsteht eine Gemeinde, die sich immer wieder neu entdeckt, lebendig und kreativ die Liebe Gottes zu den Menschen bringt.

 

Es ist eine Gemeinschaft, „die in der Kraft des Geistes den Mut hat, die Menschen damit zu konfrontieren, dass sie ohne eine lebendige Verbindung mit Gott ihr Leben verfehlen. [Und es ist eine Gemeinschaft, die den Menschen bezeugt], dass Jesus den Weg zu Gott für alle geöffnet hat und sie sich nicht mehr von der Macht des Bösen beherrschen lassen müssen. [Diese Gemeinschaft sitzt nicht über die Welt zu Gericht.] Aber fordert sie heraus, indem sie ihren Glauben lebt, sich für die Gerechtigkeit einsetzt und dem Bösen widersteht.“[7]

 

Ich bin froh, dass wir auf diesem Weg hin zu einer solchen Gemeinschaft nicht allein sind.

Jesus ist bei uns. Durch die Geistkraft wirkt er in jeder und jedem Einzelnen von uns. So können wir gewiss sein: Wir sind nicht allein. An keinem Tag unseres Lebens, denn Gott ist bei uns.

Amen.

 

[1] Vgl. Klaiber, Joh, S. 138.

[2] Klaiber, Joh, S. 139.

[3] Vgl. Klaiber, Joh, S. 140.

[4] Klaiber, Joh, S. 140.

[5] Klaiber, Joh, S. 142.

[6] Klaiber, Joh, S. 145.

[7] Klaiber, Joh, S. 145.


Drucken